Begrüßungsrede von der BDK am 9. November in Leipzig

Unseren Parteitag in Leipzig habe ich mit einigen Worten zum historischen Datum des 9. Novembers eröffnet. Der 9. November ist für mich ein ganz besonderer Tag. Meine Gedanken dazu könnt Ihr hier nachlesen, oder zu Beginn dieses Youtube Videos anhören.

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

Herzlich Willkommen auf unserer 43. Bundesdelegierten-konferenz in Leipzig!

Wir sind hier heute am 9. November in Leipzig.

Der 9. November ist ein besonderer Tag. Ein Tag mit all seinen Facetten in der deutschen Geschichte – im Dunklen wie in leuchtenden Momenten. Ich finde ja, der 9. November ist der bessere Gedenktag als der 3. Oktober. Er beschreibt narrativ den Jahrhundertweg der deutschen Geschichte.

Am 9. November 1848 wurde der Radikaldemokrat Robert Blum,

der lange hier in Leipzig gelebt hat, hingerichtet.

Das war das Ende der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1848.

Am 9. November, wir erinnern an die Novemberprogrome von 1938 – vor 80 Jahren, dem brutalen Angriff  – nicht nur des Staates, sondern auch aus der Gesellschaft – auf jüdisches Leben in Deutschland.

Rückblickend sollte sich zeigen was die braunen Machthaber vorhatten: die Ausrottung des jüdischen Lebens in Europa.

80 Jahre danach empfinde ich immer noch tiefe Scham, wenn ich schwerbewaffnete Polizisten oder Panzerwagen vor Einrichtungen jüdischen Lebens in Deutschland sehe.

Dass dies nach wie vor nötig ist, erinnert mich jedes Mal daran, wie entschieden wir Antisemitismus auch heute entgegentreten müssen.

Der 9. November ist aber auch die Ausrufung der Republik 1918. Vor 100 Jahren, nach dem furchtbaren ersten Weltkrieg, startete die erste deutsche Demokratie, die von Beginn an von politischen Feinden bekämpft wurde. Wir müssen auch heute für unsere Demokratie kämpfen.

Und natürlich ist es der Jahrestag der friedlichen Revolution von 1989. Mutige Menschen sind hier auf die Straße gegangen, gegen DDR und Stasi, obwohl sie nicht wissen konnten, ob Schüsse fallen.

Denn noch im Sommer 1989 wurden die hoffnungsvollen Proteste in Peking von Panzern überrollt. Diese chinesische Lösung stand im Herbst 1989 ganz real im Raum.

Und das möchte ich auch sagen, ohne den 9. Oktober, die große Montagsdemo in Leipzig, das sei hier betont, hätte es den 9. November in Berlin nicht gegeben.

Ich war zwölf Jahre alt, als die Revolution siegte. Ich war zu jung, um selbst Teil der Bürgerrechtsbewegung zu sein. Doch ich erinnere mich, wie mich meine Mutter mit zu einer Montagsdemonstration in meiner Heimatstadt Gera nahm.

Es ist überhaupt eine unerzählte Geschichte, das ist zumindest mein subjektiver Eindruck – dass es gerade die Frauen waren, die auf die Straße gegangen sind. Ich verneige mich vor all den mutigen Frauen und Männern aus dem Herbst 1989.

Spätere Bündnis  Grüne hatten einen großen Anteil an dem Verlauf der Ereignisse. Es war kein Zufall, sondern politischer Wille und eine faire und gleichberechtigte Verständigung, dass vor 25 Jahren, am 14. Mai 1993, hier in Leipzig aus einer westdeutschen und einer ostdeutschen Protestpartei eine gesamtdeutsche Reformpartei hervorging.

Und wir sollten als Bündnisgrüne diesen Teil der Geschichte viel stärker bewusst machen, denn wir tragen sie bis heute im Namen Bündnis 90 / Die Grünen.  Wir haben zu oft den Eindruck zugelassen, wir wären eine westdeutsche Partei. Dabei sind in kaum einer anderen Partei so viele Menschen, mit ostdeutschen Hintergrund, in herausgehobenen Funktionen.

Wir stehen heute wieder vor großen Umbrüchen – Digitalisierung und Automatisierung verändern die Art wie wir Leben und Wirtschaften schon jetzt enorm. Ostdeutsche haben Veränderung ganz analog erfahren, über Nacht war alles anders.

Aus diesen Veränderungserfahrungen sollten wir Konsequenzen ziehen und künftige Veränderungsprozesse klüger anlegen als nach 1989.

1989 steht für den Fall des Eisernen Vorhangs – Europa wurde eins mit einem geeinten Deutschland. Doch wir müssen für dieses Europa kämpfen, nichts ist so stabil wie es scheint, dass ist auch eine Erfahrung von 1989. Niemand hat diesen Epochenbruch kommen sehen.

Europa steht auch am Anfang der Gründungsgeschichte der Grünen. 1979 hat sich die Sonstige Politische Vereinigung Die Grünen zur Europawahl gegründet.

Die ersten Spitzenkandidatinnen waren Petra Kelly und Roland Vogt. Roland, der dieses Jahr leider verstorben ist.

Der Titel des 1979 Programmes lautete „Gegen das Europa der Bürokraten, für das Europa der Bürger.“ Und diese Vision eines Europas der Menschen verfolgen wir bis heute.

Für dieses Europa, und um dieses Europa besser zu machen – daran arbeiten wir.

Mit über 900 Änderungsanträge über 40 tollen Kandidierende. Wir haben viel vor an diesem Wochenende und legen den Grundstein für einen phänomenalen Europawahlkampf, weil wir dieses Europa ökologischer, sozialer und weltoffener machen wollen. Wir stellen uns entschieden gegen seine Feinde.

Wir lassen Europa nicht spalten, weder durch Trump, Putin oder Xi Jinping. Und wir überlassen dieses Europa schon gar nicht den Orbans, den Le Pens oder den Salvinis. Denn Europa – darum kämpfen wir.

Und es ist ja gute Tradition – bei jeder BDK kann ich neue Mitgliederrekorde vermelden: über 70.000 Grüne.

Doch heute will ich noch was anders machen.

Ich möchte mich bedanken. Ich möchte mich bei euch bedanken. Bei den Kreisverbänden, Landesverbänden, bei den LAGen und BAGe.. Herzlichen Dank an euch, dass ihr all die Neuen willkommen heißt in unserer Partei. Das ist eine tägliche Anstrengung, die wir als Partei zu leisten haben.

Und lasst mich Euch noch einen Idee mit auf den Weg geben: ladet Grüne ein, die schon 20 oder 30 Jahre dabei sind und diskutiert mit ganz erfahrenen und ganz neuen Mitglieder über grüne Ideen und Werte.

Besonders begrüßen möchte ich am heutigen Tage auch unsere externen Gäste

die *Botschafter der Ukraine, Dänemark, Türkei, Ungarn, Belarus und die Botschafterin von Indien.*

Außerdem Vertreterinnen und Vertreter der Botschaften von Australien, Polen, Israel, Griechenland, USA, Kanada, Frankreich, Großbritannien, Niederlande, Italien, Estland, Spanien, Irland, Belgien und China.
Insgesamt 29 diplomatische Vertreter*innen.

Ich begrüße Vertreterinnen und Vertreter der Umwelt und Sozialverbände, der Arbeitgeber und Gewerkschaften, den deutschen Städte- und Gemeindebund.

Ich freue mich besonders, dass viele grüne Freundinnen und Freunde aus ganz Europa hier sind.

Ich begrüße die Vertreter der Religionsgemeinschaften.Ich begrüße die Vertreter und Vertreterinnen der Presse, alle Gäste und ganz besonders euch, liebe Delegierte.

 

Teile diesen Inhalt: