Böden auf den Tisch

Dieser Artikel von mir wurde in der aktuellen WeltTrends-Ausgabe (März 2015) veröffentlicht:

 

Ernährung ist mehr als eine Frage des Lifestyles, viel mehr als Bio-Schick. Wie wir unser Essen erzeugen, ist eine der zentralen Fragen globaler Gerechtigkeit und eine ökologische Herausforderung. Wir sollten nicht hinnehmen, dass unsere Art des Landwirtschaftens anderswo Hunger und Elend erzeugt, Tiere quält, Menschen schlecht ernährt und Böden zerstört.

Böden sind im wahrsten Sinne des Wortes unsere Lebensgrundlage. Die UN hat 2015 zum Jahr des Bodens erklärt. Das ist bitter nötig, denn erstaunlicherweise sind Böden durch internationale Verträge kaum reguliert. Dabei können ohne intakte Böden die wichtigsten Ziele der Weltgemeinschaft nicht erreicht werden: die Beseitigung von Hunger, der Erhalt der Biodiversität und das 2 Grad Klimaziel.

ErdeGeborgt

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Studien[1] zeigen, die Besitzverhältnisse von Böden sind noch ungleicher verteilt als monetärer Reichtum. Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit ist einer der Gründe, warum Menschen hungern und in bitterer Armut leben. Für unseren Lebensstil in Europa nutzen wir eben nicht nur europäische Ackerflächen, sondern im gigantischen Ausmaß Flächen im globalen Süden. Schätzungsweise noch einmal das Anderthalbfache der gesamten EU-Fläche nutzen wir außerhalb der eigenen Grenzen für uns. Dieser gewaltige Bedarf an Land bewirkt nicht nur eine gravierende Zerstörung von Ökosystemen, wie den Regenwäldern, sondern hat auch verheerende soziale Folgen und offenbart ein gigantisches Gerechtigkeitsgefälle.

Die Situation verschärft sich aktuell weiter. Boden als Ressource für Landwirtschaft wird knapp. Wachsende Städte versiegeln Flächen. Fruchtbare Böden werden durch Intensivlandwirtschaft zerstört. Ein entgrenzter globaler Kapitalismus greift nach Land: Fruchtbares Ackerland ist in den Fokus internationaler Investoren gerückt. Großflächige Landnahmen durch Konzerne gehen einher mit Vertreibungen, mangelnden Entschädigungen und weiterer Verarmung. Neue Konflikte entstehen. In Madagaskar hat beispielsweise der Versuch der Regierung, größere Teile des Landes an den koreanischen Konzern Daewoo zu verkaufen, zu Unruhen und schließlich zum Sturz der Regierung geführt.

Spekulationen mit Nahrungsmitteln gehören genauso verboten, wie globale Landspekulationen. Dafür braucht es verbindliche internationale Regeln zu nachhaltiger Landnutzung statt „freiwilligen Leitlinien“ der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO.

Wir Grüne bearbeiten seit langem das Thema und haben auch Fehler gemacht. Dabei meine ich weniger den Veggie-Day, sondern den Glauben mit Agrartreibstoffen klimaverträglich den Tank füllen zu können. Das hat sich als Irrtum erwiesen. Gerade in Hinblick auf die globalen Auswirkungen, gehört Biomasseförderung zur Energiegewinnung gründlich überarbeitet. Staatliche Anreize für Agrartreibstoffe gehören abgeschafft. Deren Gewinnung ist nur dann sinnvoll, wenn dazu landwirtschaftliche Reste und Abfälle eingesetzt werden.

Und während in Deutschland Tiere unter unwürdigen Bedingungen in überfüllten Ställen leiden, braucht der Anbau von ihrem Futter gigantische Landflächen, insbesondere in Südamerika. Das ist hochgradig ineffektiv. Würde statt Futtermitteln Getreide angebaut, könnte die dreifache Anzahl von Menschen ernährt werden.

Wir brauchen neue Wege der Nahrungsmittelproduktion und kürzere Transportwege. Bio und regional, das ist gut fürs Klima und für die Böden. Weniger Fleisch und eine Anbau-Priorität von Lebensmitteln für den Teller statt Treibstoff für den Tank gehören dazu. Zwei Drittel der Menschen werden im Jahr 2050 in Städten leben. Daher muss Landwirtschaft wieder in die Nähe der Städte oder gar wieder in die Stadt hineinrücken. Weltweit werden neue spannende Ideen dazu getestet, wie Skyfarming in Hochhäusern zum Anbau von Pflanzen, essbare Städte und Aquaponik, der Kombination von Fischzucht mit Anbau von Nutzpflanzen in Hydrokulturen. Diese Vorstellungen mögen befremden, entsprechen sie doch gar nicht unserem Bild von Stadt und Land. Doch zur Bewältigung der Klima- und Ernährungskrise bieten sie spannende Ansätze.

Wir sollten daher ackern für eine Agrarwende. Das ist eben nicht nur was für Landwirtschafts- oder Verbraucherschutzpolitik, sondern gehört auf den Tisch und ins Zentrum einer Politik, die mehrere globale Krisen auf einmal bewältigen muss und auf globale Gerechtigkeit zielt.

[1] Die Belege zu den Aussagen und viele weitere spannende Zahlen und Argumente finden sich im großartigen Bodenatlas der Heinrich Böll Stiftung.

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